Annette Jablonski
Mein
Name ist Annette Jablonski, ich bin 1978 geboren und wohne seit 2006 in einer
Selbstbestimmten Wohngemeinschaft in Düsseldorf. Ich lebe hier mit drei
anderen Körperbehinderten Menschen zusammen. Leider ist meine
Aussprache auch sehr eingeschränkt, es fällt mir schwer mich Menschen
mitzuteilen, die mich nicht gut kennen. Wir werden im Alltag von einer/einem
Assistent/in begleitet, um bei alltäglichen Dingen Unterstützung zu
bekommen. Meine Eltern, bei denen ich bis vor drei Jahren lebte, konnten sich
nicht vorstellen, dass ich alleine in einer Wohngemeinschaft leben kann.
Es war ein hartes Stück Arbeit für mich und meine Eltern, diesen
Schritt in ein selbstbestimmteres Leben zu wagen.
Geboren
wurde ich als gesundes Mädchen, im ostpreußischen Allenstein. Ich
entwickelte mich völlig normal, begann zu krabbeln, konnte sitzen und
stehen. Mit acht Monaten bekam ich Fieber. Der Hausarzt meinte, dass es nur eine
leichte Erkältung sei, die vorüber ginge. Als das Fieber auf über
40 Grad anstieg, brachte meine Mutter (E. Jablonski) mich in ein Krankenhaus.
„Bei den ganzen Untersuchungen wurde aber kein Grund für das Fieber
gefunden“, erinnert sich meine Mutter. Ein Arzt hatte Angst, dass es sich
um eine Hirnhautentzündung handeln könne. Er wollte auf Nummer sicher
gehen und entnahm mir Gehirnflüssigkeit. „Jetzt haben wir zwei
Möglichkeiten, warum ich an Cerebralparese leide. Es kann entweder durch
das Fieber gekommen sein, oder durch die unsachgemäße Entnahme der
Hirnflüssigkeit“, so( E. Jablonski). „Ich habe ein Baby ins
Krankenhaus gebracht und eine Puppe wieder abgeholt.“ Damals gab es in
Polen kaum Hilfen, an Therapien war nicht zu denken. Die ersten Hilfsmittel
für mich hatten meine Eltern noch selbst gebaut. Im Jahr 1991 sind wir nach
Deutschland gekommen. Dort hatte ich endlich die Möglichkeit eine Schule
für Körperbehinderte zu besuchen.
Mit
ungefähr 17 Jahren habe ich in einem Kurort trotz meiner körperlichen
und sprachlichen Behinderung ein Hobby gefunden, welches mir sehr viel
Spaß bereitet: "Das Malen". Wenn ich male, kann ich meine Spastik und die
Probleme, die der Alltag mit sich bringt vergessen. Ich brauche bei vielen
Tätigkeiten Hilfe, aber malen kann ich ganz alleine. Ich kann nicht gut
sprechen, die Bilder drücken meine Gefühle aus z.B.: Bilder mit viel
Schwarz und Rot, bringen meine negative Gefühle zum Ausdruck. Ich male
hauptsächlich mit Bügeleisen und Wachsmalstiften in meinem eigenen
Atelier. Dabei höre ich zur Unterstützung des schöpferischen
Aktes indianisch angehauchte Chill-out-Musik.
Mein
Atelier befindet sich im Keller der Wohngemeinschaft. Auf Grund meiner
Behinderung, bin ich auf fremde Hilfe angewiesen und es wird wahrscheinlich mein
Leben lang so bleiben. Ich habe mich jedoch bemüht, mein Atelier so zu
gestalten, dass ich möglichst selbstständig arbeiten kann. Ich glaube
mir ist es ganz gut gelungen, das gibt mir ein gutes Gefühl von
Unabhängigkeit. Für mich ist das Malen sehr wichtig, es ist für
mich eine Chance mich mitzuteilen und über meine Gefühlswelt zu
sprechen. Ich habe mir auch immer wieder Gedanken über
Verbesserungsmöglichkeiten gemacht z.B.: wie öffne ich ein Farbglas,
ohne Hilfe der Assistenz. Dieses Gefühl zu wissen, dass ich
unabhängiger werde, dass ich für mich neue Kompetenzräume
entdecke, sie mir zugestehe und vieles wage, das alles ist einfach
unbeschreiblich für eine behinderte Frau wie mich, die von einer
Behinderung betroffen ist.
Ich
habe schon viele meiner Bilder auf Ausstellungen präsentieren können
z.B. : auf der Reha Messe in Düsseldorf, in einer Universität in
Holland, im Rahmen einer Ausstellung des Netzwerks-Frauen mit Behinderung und
auch bei mir zu Hause in den Büroräumen des Erdgeschosses. Die
Kontakte für die Ausstellungen habe ich stets selber organisiert. Ich bin
sehr oft im Internet unterwegs, auf der Suche nach neuen Kontakten und
Interessenten. Es waren auch schon Journalisten von der Zeitung bei mir zu Hause
um einen Artikel über mich und mein Hobby zu schreiben. In der Zeitung
"Selbsthilfe" war ich auf der Titelseite und ein Bericht über mich wurde
gedruckt. Durch diese und ähnliche Erlebnisse fühle ich mich als
vollwertiger Mensch. Es zeigt auch hoffentlich Menschen mit und ohne
Behinderung, dass man trotz starker Einschränkungen eine Menge erreichen
kann.
Über
zehn Jahre war ich in einer Werkstatt für angepasste Arbeit angestellt.
Dort musste ich immer Schrauben für Firmen verpacken. Das letzte Jahr
über hatte ich mit psychischen Problemen zu kämpfen, weil ich durch
die jahrelange einseitige Belastung meines "stärkeren Armes" einen
Sehnenabriss erlitten habe. Leichte Schmerzen hatte ich schon seit einigen
Jahren in der Schulter. Ich habe es meist auf meine Spastik geschoben und nicht
wirklich ernst genommen. Auch in der Werkstatt für angepasste Arbeit, habe
ich meinen Arm über einen langen Zeitraum falsch oder zu sehr belastet.
Doch dort sagte man mir nur:
"Wer
malen kann, kann auch arbeiten."
Ich
hatte lange keine Feinmotorik mehr für das Malen. Die Schmerzen wurden
schlimmer und ich ließ mich krank schreiben. Ich freute mich nun drei
Wochen frei zu haben und mich den Bildern für die nächste Ausstellung
widmen zu können. Als dann der Sehnenabriss folgte, konnte ich nicht nur
von heute auf morgen nicht mehr malen, sondern brauchte auch noch viel mehr
Unterstützung im Alltag. Das alles warf mich natürlich stark
zurück. Eine Zeit lang zog ich mich sehr zurück, kam mir nutzlos vor
und mir fiel zu Hause die Decke auf den Kopf. Ich fiel in eine tiefes Loch, aus
dem ich mich allerdings mit Hilfe unserer Sozialpädagogin, den Assistenten
und allen die mir nahe sind, befreien konnte. Wir haben viele Gespräche
geführt, die mich wieder aufbauten.
Vor einem Monat war ich für
sechs Wochen in einer Rehaklinik in Meerbusch. Dort habe ich Ideen für
sinnvolle Hilfsmittel erhalten. Nun habe ich seit ca. einem Monat eine
Armunterstützung, die mir ein Assistent aus den Resten eines alten
Rollstuhls gebaut hat, welche die Bewegung sehr erleichtert und auch die
Schmerzen weniger werden lässt. Ich habe mich entschieden, auf Grund der
Schmerzen die durch die Werkstattarbeit entstehen, die Beschäftigung in
dieser zu beenden und verfolge nun das Ziel meinem Leben einen Sinn zu geben.
Ich hoffe dies durch die Kunst zu erreichen.